HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz; ich wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind. Ja, ich habe meine Seele gesetzt und gestillt; so ist meine Seele in mir wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter.
Psalm 131,1–2 (Luther 1912)
Nicht meine Baustelle
Ein hungriger Säugling ist nur Fäuste und suchender Mund — eine kleine Maschine, die gefüttert werden will. Ein entwöhntes Kind auf demselben Schoß ist ein anderes Wesen: zwei Jahre alt, fertig geweint, die Wange am Schlüsselbein, schwer und warm. Der Schoß hat sich nicht verändert. Das Kind schon. Es hat aufgehört zu fordern und ist trotzdem geblieben. Das Entwöhnen war, vom Kind aus gesehen, nicht sanft. Es gab Protest. Jetzt ist er vorbei.
Das ist der ganze Psalm. Der Schreiber behauptet keine Antworten. Er sagt das Gegenteil: Manche Dinge sind zu groß für mich, und ich arbeite nicht mehr daran. Nicht weil sie sich geklärt hätten — er hat sie hingelegt. „Ich habe meine Seele gesetzt und gestillt.“ Ein Verb. Etwas, das er getan hat, absichtlich, vermutlich mehr als einmal.
Du hast Fragen, die nicht zugehen. Ob du richtig gewählt hast. Ob der Mensch, den du verloren hast, überhaupt irgendwo ist. Du kannst heute Nacht weiter an ihnen schleifen — oder das ältere Kind sein: dem Geheimnis noch nah, aber ohne zu verlangen, dass es dich nach Fahrplan füttert. Ruhe ist nicht der Preis dafür, dass du alles verstanden hast. Sie wird möglich, sobald du zugibst, dass du es nicht wirst.
Welche Frage könntest du hinlegen, nur für heute?
Wenn etwas Größeres als ich das alles hält, dann muss nicht ich es sein.