Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,2–3a (Luther 1912)
Ärztliche Anordnung
Der schlimmste Patient in der Woche jeder Physiotherapeutin ist ein Läufer. Die Verordnung könnte einfacher nicht sein — sechs Wochen das Bein schonen — und fast niemand hält sie ein. In Woche zwei wird das Knie getestet, in Woche drei gejoggt, in Woche vier ist es wieder gerissen. Für einen Körper, der auf Schwung gebaut ist, fühlt sich Ruhe wie Rückstand an. Manche Patienten muss man ins Liegen zwingen.
Psalm 23 benutzt ein merkwürdiges Verb. Im Hebräischen steht nicht: er lädt ein, nicht: er schlägt vor. Er lässt mich lagern — er legt mich hin. Wer das schrieb, kannte die eigenen Beine: Sich selbst überlassen, laufen sie weiter. Weiter produzieren, weiter beweisen, weiter die To-do-Liste umschichten. Ruhe fühlt sich selten wie eine Wahl an — eher wie Zurückfallen. Also kommt sie manchmal verkleidet, als etwas, mit dem man nicht diskutieren kann. Eine Grippe. Ein gestrichener Flug. Eine Woche, in der nichts klappt.
Achte darauf, wo der Psalm die Erquickung hinlegt. Nicht auf einen Gipfel, nicht mitten in einen Erfolg — ans stille Wasser. Das flache, leise. Kein Rauschen, keine Gischt, nichts, was man fotografieren würde. Die Sorte, an der man auf dem Weg zu Beeindruckenderem vorbeiläuft — genau deshalb muss man dorthin geführt werden. Wenn dich gerade etwas zum Anhalten zwingt, halt eine unbequeme Möglichkeit aus: Vielleicht ist es nicht das Hindernis. Vielleicht ist es die Aue.
Welche Ruhe verweigerst du gerade?
Wenn dieser Stopp du bist, der mich irgendwohin führt, bin ich bereit, mich hinzulegen.